Nadine Karl

as far as I feel - about thoughts and throughs


Zwischen Zeitkörper und Erinnerungssand

Eine Betrachtung der Abschlussarbeit von Nadine Karl an der Kunstakademie Düsseldorf (Sommer 2024)

von Aileen Treusch, 25.05.2025



In der raumgreifenden Abschlussarbeit von Nadine Karl entfaltet sich ein vielschichtiges Zusammenspiel aus Materialität, Erinnerung und spekulativer Fiktion. Auf rund 50 m² transformiert die Künstlerin einen vorgefundenen Raum mitsamt Wendeltreppe, Empore und architektonischen Gegebenheiten in eine choreografierte Topografie, in der Sand, Klang, Licht und Objekte zu Trägern von Narrationen, Atmosphären und Bedeutungsverschiebungen werden. Die Installation ist keine statische Anordnung, sondern eine prozessuale Bühne, die zwischen sedimentierter Zeit und poetischer Zukunft changiert.

Im Zentrum steht der Einsatz eines Gemischs aus Schmier- und Silbersand; einem Material, das sowohl als Landschaftselement wie auch als metaphysische Chiffre fungiert. Der Sand scheint von der nicht betretbaren Empore herab in den Raum zu fließen, eine Bewegung, die Assoziationen an natürliche Erosion ebenso wachruft wie an die menschliche Unfähigkeit, Zeit zu kontrollieren. In Anlehnung an Hiroshi Teshigaharas Film Die Frau in den Dünen (1964) evoziert der Sand nicht nur eine materielle, sondern auch eine existentielle Bedrohung: Der Mensch als Gefangener in einer amorphen, entgrenzten Welt aus Körnigkeit, Erinnerung und Ritual.

Diese ‚Körnigkeit‘ wird in den 23 individuell gefertigten Glastalismanen von ‚greifbarer‘ Größe konkretisiert – fragile, auf einem von der Künstlerin erbauten Podest ruhende Objekte, die durch ihre Materialität (Vollglas, körnige Oberfläche) den Entstehungsprozess von Fulguriten zitieren. Als durch Blitzschlag entstandene Glaskörper verweisen Fulgurite auf Momente der plötzlichen Transformation – ein implizites Motiv, das sich durch Karls gesamte Arbeit zieht. Die Talismane mit sorgsam integrierten Symbolen wie einer Sanduhr, Haaren, Zähnen oder Sorgenpüppchen verweisen auf eine Praxis der Objektifizierung von inneren Zuständen. Ihre Vitrinisierung in angepassten Glaskuppeln verweist auf museale Ordnungen, ohne deren hermetische Logik ganz zu übernehmen: Sie sind keine Reliquien, sondern visuelle Vexierbilder einer subjektiven Mythologie.

Die Klanginstallation – ein zyklisches Summen, das alle 20 Minuten aus einem gesuchten, gefundenen Brunnenobjekt ertönt – strukturiert den Raum wie ein akustischer Atem. Die Quelle ist ein Steinbrunnen, in dessen Innerem sich oxidierte Zinkplatten befinden, auf denen fragmentierte, geätzte „Aporie-Sätze“ aus dem persönlichen Archiv der Künstlerin zu lesen sind. In ihrer Brüchigkeit und poetischen Offenheit wirken sie wie sedimentierte Gedankenfragmente; rätselhafte Einschlüsse persönlicher Geschichte in ein kollektives Erinnerungsmedium. Die Verwendung eines Erbstücks, das aus familiärem Kontext verstoßen wurde, öffnet dabei eine weitere Schicht der Erzählung: Wer entscheidet über die Wertigkeit von Objekten? Was geschieht, wenn Erbe nicht angenommen, sondern aufgelöst wird?

Diese ‚Topografie von Dingen‘, ergänzt durch eine moosbewachsene Frauenskulptur, Bienenwachskerzen und das gezielte Spiel mit Licht, Schatten und technischer Sichtbarkeit erzeugt eine nahezu traumähnliche Raumerfahrung. Die Treppe wird durch Sand „verschüttet“, die Technik bleibt sichtbar, aber subtil. Alles wirkt vertraut und gleichzeitig entrückt – wie in den literarischen Entwürfen von Vermilion Sands, J. G. Ballards spekulativem Ort, an dem Technologie, Kunst und Sensibilität ineinander übergehen. Auch hier finden sich Objekte, die wie Erinnerungen wirken, aber keiner Geschichte eindeutig zugeordnet werden können. Es sind Artefakte einer möglichen Zukunft oder einer nie ganz verarbeiteten Vergangenheit.

Nicht sichtbar begleitet wird die Installation von einer spezifisch für die Künstlerin und den Raum entwickelten schamanischen Kräutermischung, die in regelmäßigen Intervallen verräuchert wird. Der Duft – eine olfaktorische Essenz des Wassers, hergestellt in Niederbayern nahe der tschechischen Grenze – durchzieht den Raum wie ein atmosphärisches Echo und verbindet die visuelle mit der sinnlich-intuitiven Ebene der Installation.

Nadine Karls Installation verweigert sich einfachen Deutungen. Sie erschafft stattdessen ein dichtes, atmendes Raumgefüge, in dem Materialität und Fiktion gleichwertige Agenten sind. Der Raum wird zur Schwelle: zwischen oben und unten, innen und außen, Erinnerung und Imagination. In einer Zeit, die zunehmend auf lineare Zeitvorstellungen und archivierte Identitätsentwürfe pocht, öffnet Karls Arbeit ein poetisches Terrain, in dem der Sand nicht nur rieselt, fließt oder fällt, sondern erzählt.


Fulgurites, Talismans, Aporias… Sediments of Time and Thought

A Reflection on the Graduation of Nadine Karl at the Kunstakademie Düsseldorf (2024)

by Aileen Treusch, 25.05.2025

In Nadine Karl’s immersive graduation work, a complex interplay of materiality, memory, and speculative fiction unfolds. Across approximately 50 square meters, the artist transforms a pre-existing space with its spiral staircase, gallery, and architectural features into a choreographed topography where sand, sound, light, and objects become carriers of narratives, atmospheres, and shifts in meaning. The installation is not a static arrangement but a processual stage, oscillating between sedimented time and poetic futurity.

At its core lies the use of a mixture of lubricating and silver sand – a material that functions both as a landscape element and as a metaphysical cipher. The sand appears to flow down from the inaccessible gallery into the room, evoking associations with natural erosion as well as humanity’s inability to control time. Referencing Hiroshi Teshigahara’s film Woman in the Dunes (1964), the sand conveys not only a material but also an existential threat: humans as prisoners in an amorphous, boundless world of granularity, memory, and ritual.

This “granularity” is concretized in the 23 individually crafted glass talismans of a “palpable size” – fragile objects resting on a pedestal built by the artist. Through their materiality (solid glass, grainy surface), they refer to the formation process of fulgurites.

Created by lightning strikes, fulgurites reference moments of sudden transformation, a recurring implicit motif throughout Karl’s work. The talismans, carefully integrated with symbols such as hourglasses, hair, teeth, or worry dolls, point to a practice of objectifying inner states. Their display under custom glass domes evokes museological orders without fully adopting their hermetic logic: these are not relics but visual puzzles within a subjective mythology.

An accompanying sound, a cyclical humming that emanates every 20 minutes from a sought-and-found well object, structures the space like an acoustic breath. The source is a stone well containing oxidized zinc plates, on which fragmented, etched “aporetic sentences” from the artist’s personal archive can be read. In their fragility and poetic openness, they resemble sedimented fragments of thought; enigmatic inclusions of personal history within a collective memory medium. The use of an heirloom rejected by its familial context adds another layer to the narrative: Who decides the value of objects? What happens when inheritance is refused rather than accepted?

This “topography of things,” complemented by a moss-covered female sculpture, beeswax candles, and a deliberate play with light, shadow, and technical visibility, creates an almost dreamlike spatial experience. The staircase is “buried” in sand, the technology remains visible yet subtle. Everything feels familiar yet detached, reminiscent of the literary visions in Vermilion Sands, J. G. Ballard’s speculative place where technology, art, and sensibility merge. Here, too, objects appear as memories without a clear narrative assignment. They are artifacts of a possible future or an incompletely processed past.

Unseen, the installation is accompanied by a shamanic herbal mixture specially created for the artist and the space, which is ritualistically burned at regular intervals. The scent, an olfactory essence of water produced in Lower Bavaria near the Czech border, permeates the room like an atmospheric echo, linking the visual with the sensory-intuitive dimension of the installation.

Nadine Karl’s installation resists simple interpretation. Instead, it creates a dense, breathing spatial fabric in which materiality and fiction act as equal agents. The space becomes a threshold – between above and below, inside and outside, memory and imagination. In an era increasingly dominated by linear concepts of time and archived notions of identity, Karl’s work opens a poetic terrain where sand does not merely trickle, flow, or fall, but tells stories.